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Klaus Böhler geht in den Ruhestand
 

Top-Themen Genusswoche

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Einmal um die Welt gekocht

Foto: Sheraton Frankfurt Airport
Foto: Sheraton Frankfurt Airport
Er floh vor den Ajatollahs, saß in Costa Rica auf dem Trockendock und hat für Fallschirmspringer aufgetischt. Klaus Böhler war zuletzt Küchendirektor im Sheraton am Flughafen. Jetzt verabschiedet er sich in den Ruhestand und blickt zurück auf eine bewegte Karriere.
Erst ist er kochend um die Welt gereist, dann kam die Welt zu ihm, damit er sie bekochen kann. So etwas müsste man schreiben, wollte man Klaus Böhlers Karriere in einem Satz zusammenfassen. Das sollte man aber nicht, denn dafür war das Berufsleben des Koches, der bis vor kurzem Küchenleiter im Sheraton am Flughafen gewesen ist, viel zu aufregend. Dabei begann alles ganz beschaulich. Im heimischen Heidelberg hatte er sich im Hotel Europäischer Hof beworben. „Es musste ein Hotel sein, das hat für mich die weite Welt ausgestrahlt.“ Es war seine einzige Bewerbung und er wurde direkt genommen. „Glück muss man haben“, ist Böhler überzeugt, „und ich habe oft Glück gehabt.“

Nach drei Jahren Ausbildung kam die Einberufung zur Wehrpflicht. Wieder hatte Böhler Glück. „Nach meiner Grundausbildung wurde ein Koch fürs Offizierscasino der Fallschirmjäger in Bruchsal gesucht.“ Mit seiner Ausbildung war Böhler der ideale Kandidat und statt um Granaten kümmerte er sich von nun an um’s Gratin. „Da hab‘ ich tolle Sachen gelernt. Wir hatten jeweils eine Woche Dienst und eine Woche frei. An den Wochenenden haben wir Familienfeiern für die Offiziere ausgerichtet. Dabei waren wir nur zu zweit in der Küche, da muss man sich schon rhythmisch bewegen.“

Auf die Empfehlung eines Kollegen hin bewarb er sich danach auf dem Kreuzfahrtschiff MS Europa. „Das war damals Luxus pur. Für 90 Tage auf See musste man 126 000 Mark zahlen.“ Eine wichtige Station für Böhlers weitere Karriere: „Organisation ist auf so einem Kreuzfahrtschiff alles. Auf hoher See kann man nicht einfach jemanden einkaufen schicken, um Nachschub zu holen. Viele der Speisekarten und Organigramme habe ich hinterher mitgenommen. Von der Erfahrung habe ich Jahrzehnte gezerrt.“ Es war aber auch harte Arbeit. „Ein halbes Jahr stand man dort in der Küche ohne einen einzigen freien Tag.“ Seine angenehmste Erfahrung sei der Zwangsurlaub in Costa Rica gewesen, nachdem das Schiff auf Grund gelaufen war. „Das musste zwei Wochen ins Trockendock. Für uns war das herrlich: Sonne und Piña Colada!“

Nach zwei Jahren auf hoher See sehnte Böhler sich nach festen Arbeitszeiten und ging deshalb nach Schweden. „Heute würde man sagen, da ist die Work-Life-Balance besser. Geregelte Zeiten, jede Woche zwei freie Tage, das war schon fein. Und wie heute wieder, waren die Skandinavier damals international vorne dabei. Da haben wir zum Beispiel einen Steinbutt in Rotweinsauce serviert, das hätte sich in Deutschland niemand getraut.“ Hierzulande habe damals noch das strenge Dogma „Weißer Fisch – Weißer Wein“ gegolten. Als stellvertretender Küchenchef im Operakällaren, noch heute eine der besten Adressen der Stadt, bekam Böhler sogar Sprachunterricht.

Nach Stockholm verschlug es Böhler in wärmere Gefilde. Ihn ereilte 1978 der Ruf nach Teheran, die Hauptstadt des Irans. Damals noch eine Monarchie unter dem Schah Mohammad Reza Pahlavi. „Teheran, das hatte noch einen ganz andern Stellenwert. In Dubai und Abu Dhabi war ja damals noch nichts los. Wir hatten dort wirklich alle Geräte und Produkte zur Verfügung, die man sich nur vorstellen konnte. Die Austern kamen aus Frankreich, das Fleisch aus den USA, das war Luxus pur.“ Doch der Stellenwert Teherans sollte sich nicht nur in der kulinarischen Welt schnell ändern. „Dann kam Chomeini und ich musste weg“, fasst Klaus Böhler die Revolution knapp zusammen. „In zwei Wochen hatte sich damals alles gedreht.“ Noch heute verfolge ihn der Aufstand in seinen Alpträumen. „Nachts wurde geschossen, Häuser sind abgebrannt, das war keine schöne Zeit.“ Auf den letzten Drücker holte die deutsche Botschaft ihn damals zurück. Dabei ereigneten sich dramatische Szenen am Flughafen. „Stellen Sie sich tausende Menschen vor, die alle auf dem Boden sitzen, weil sie das Land verlassen wollen. Das waren bedrückende Szenen. Die Menschen fürchteten um ihr Leben und wollten uns unsere Tickets abkaufen.“ Bei jeder Passkontrolle musste er wieder ein bisschen Geld in den Pass legen, damit der Beamte ihn durchließ. Auf dem Rücksitz eines Mopeds fuhr er zum Flieger. „Den einen Koffer hatte ich fest im Griff, der andere war schon gestohlen.“ Dreimal musste der Pilot die Startbahn anfahren und wurde wieder zurückgeholt. Am Ende hob er ohne Erlaubnis des Towers ab. Böhlers Flug war einer der letzten drei, die den Flughafen Teheran verließen, bevor der Betrieb geschlossen wurde. Nach nur sechs Monaten war dieser Job für ihn vorbei.

Zurück in Deutschland bekam das Angebot, ins Sheraton am Flughafen zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt war Böhler erst Mitte 20. Er sollte 40 Jahre bleiben, begann als zweiter Küchenchef und arbeitete sich bis zum Küchendirektor hoch. „Das war eine Granatenzeit. Ständig wurde erweitert und umgebaut, es war einfach immer was los.“ Mit dem Restaurant Papillon holte er 17 Punkte im Gault-Millau. „Wir wurden sogar mal als weltbestes Flughafenrestaurant gewählt“, berichtet Böhler stolz und wiederholt: „Glück muss man haben. Wir hatten immer tolle Direktionen, die uns stets ermutigten, neue Wege zu gehen. Da arbeiten Sie auch mal 15 Stunden am Tag und freuen sich, da sind Sie stolz auf ihre Crew. Ich hatte bis zum Schluss das beste Team.“ Deshalb mache er sich auch keine Sorge um seine Nachfolge. Roland Kauer, der ihm als Küchendirektor folgt, war 27 Jahre lang Küchenchef unter Böhler.

Was er einem jungen Koch heute raten würde: „Eine breitgefächerte Ausbildung. Sie brauchen ein gutes Fundament und dann müssen Sie so viel aufsaugen wie möglich. Gehen Sie auf Reisen, nach Italien und nach Asien. Nach vier bis fünf Jahren im Ausland merkt man plötzlich, was man alles Neues gelernt hat. Das formt auch den Charakter, wenn man selbst mal der Ausländer ist, wenn man selbst mal auf Hilfe angewiesen ist.“ Heute ist er froh, Freunde in allen Ecken der Welt zu haben. „Das tut gut und vernetzt sein wird auch immer wichtiger.“
5. Februar 2018
Jan Paul Stich
 
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