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Identität geht durch den Magen
 

Top-Themen Genusswoche

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Esskultur und Gastrochauvinismus

Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder
Die Frankfurter Literaturprofessorin Christine Ott hat sich in ihrem neuen Buch auf 496 Seiten mit den Mythen der Esskultur auseinandergesetzt hat. Wir treffen sie zum Interview, natürlich beim Essen.
JOURNAL FRANKFURT: Wie kommt man denn als Literaturwissenschaftlerin zur Kulinarik? Hungrig geworden beim Lesen?

CHRISTINE OTT: Durch Rousseau. In seiner Autobiographie spielt Essen eine zentrale Rolle. Es gibt immer wieder Szenen, in denen er seine Gesellschaftstheorie durch Mahlzeiten anschaulich macht.

Haben Sie ein Beispiel?

In einer Szene sitzt er als Lehrling bei seinem Herrn am Tisch und darf nicht alles essen, was er möchte – deshalb beginnt er zu stehlen. Gleichzeitig entwickelt er als psychologisches Problem eine Scham beim Essen. Da entwickelt sich ein Körperbild, das bereits auf die heutigen Essstörungen vorverweist. Rousseau deutete das Essen aber auch politisch. Er hat die Prasserei des Adels kritisiert und damals schon die Frage gestellt, ob man denn im Winter unbedingt Erdbeeren braucht. Er plädierte damals schon für saisonale Ernährung.

In ihrem Buch kann man lesen, wie die italienische Küche den Umweg über Amerika nehmen musste, um die Welt zu erobern – wie das?

Um 1900 gab es eine massenhafte Migration von Italienern, vorwiegend aus Süditalien, in die USA. Die Sozialarbeiter dort waren anfangs sehr skeptisch gegenüber dem Essen der Einwanderer. Erst im ersten Weltkrieg entdeckte Amerika, dass sich Pasta zur Heeresverpflegung eignet: Nudeln sind billig und können leicht mitgenommen werden. Außerdem kennen die Italiener viele Fleisch-Alternativen. Gemüse war nicht nur billiger, mit der Entdeckung der Vitamine erkannte man auch, wie wichtig es ist.

Wie kam es dann zu dem Phänomen, das Sie Gastrochauvinismus nennen?

Das ist mir erstmals bei Franco La Ceclas „La pasta e la pizza“ aufgefallen. Dort wird behauptet, dass nur Italiener irgendwas von Pasta verstehen können, weil nur sie in der Lage seien, die richtige Pasta mit den richtigen Saucen zu kombinieren. Daraus folgert er, dass es echten Multikulturalismus nicht geben könne. Da wird aus kulinarischer Kompetenz eine angeborene Kompetenz, die Überlegenheitsgefühl mit einer Angst vor Überfremdung verbindet.

Der Mythos der italienischen Küche ist ja weltberühmt – warum gibt es keinen Mythos der Frankfurter Küche?

Allgemeinen dominiert unter vielen meiner Kollegen die Ansicht, dass es keine deutsche Küche gibt. Oberhalb des Weißwurst-Äquators ist international nichts bekannt, deutsche Restaurants im Ausland bieten nur Oktoberfest und Schweinebauch. Aktuell ist in Deutschland aber auch etwas in Bewegung. Es gibt eine Wiederentdeckung der Regionalküchen. Da bin ich vorsichtig optimistisch.

Das haben wir auch beobachten können: FRANKFURT GEHT AUS hat dieses Jahr erstmals eine Topliste für die Junge Deutsche Küche. Eine große Rolle in ihrem Buch spielt das Thema Geschlecht beim Essen. Was sollte und dürfte ich als Mann denn hier im Restaurant bestellen?

Auch wenn es sehr altmodisch klingt: Als männliches Essen gilt immer noch Fleisch, am besten ein blutiges Steak. Weibliches Essen ist dagegen eher der Salat oder die Putenbrust. Die Vorstellung, dass es spezielle Speisen für Männer und Frauen gibt, finden wir in ganz vielen Kulturen.

Das gab es auch schon bei Rousseau, oder?

Genau, und bei Rousseau zeigt sich auch klar eine patriarchale Struktur. Kindern und Frauen empfahl er vegetarische Kost.

Die Unterdrückung der Frau über die Speisekarte?

Nicht ganz, Rousseau war allgemein ein Befürworter des Vegetarismus. Er schrieb, es würde die Engländer grausam machen, dass sie so viel Fleisch essen. Wenn Fleisch und Alkohol, dann sollte das seiner Meinung nach aber der Mann essen. Warum? Weil der Mann so viel mit dem Geiste arbeitet. „Frauen haben eine natürliche Vorliebe für Milch und Zucker, weil diese die Unschuld und Süße ausdrücken, die die schönsten Eigenschaften der Frauen sind“, schrieb Rousseau. Frauen sollten keinen Kaffee und keinen Alkohol trinken, weil das den Intellekt und die Sinnlichkeit anrege - beides sei gefährlich für die Frau.

In ihrem Buch stellen Sie dann ein ganz modernes Gegenmodell vor: Was ist denn der gastrosexuelle Mann?

Das ist eine These von Carsten Otte. Er beschreibt eine neue Auffassung von Männlichkeit. Früher hatten Männer technische Hobbies wie die Eisenbahn. Heute entdecken sie das Kochen als Hobby. Dabei unterscheidet er zwischen dem Alltagskochen der Frau und dem technisch und finanziell aufwendigen Kochen der Männer. Da brechen alte Rollenbilder auf. Otte sagt, dass die Hobbykochbewegung in Frankreich deswegen weniger stark ist, weil dort noch traditionelle Rollenverteilungen dominieren. Gleichzeitig wärmt er aber selbst auch alte Klischees auf.

Was unterscheidet eigentlich traditionell religiöse Speisegebote wie Halal und Koscher von modernen Lifestyle-Regeln wie Veganismus oder Paleo?

Es gibt interessante Parallelen. Durch das Halten an Gebote und Verbote wird die Identität bestimmt. Man gibt sich als Mitglied einer bestimmten Gruppe zu erkennen. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Mit religiösen Speisegeboten wächst man auf. Sie werden anerzogen und sollen nicht hinterfragt werden. Die neueren Ernährungsideologien basieren dagegen auf einer Ernährungsaufklärung. Man muss sich informieren, lesen und bewusst entscheiden.

Würden Sie sich denn einer dieser Speisephilosophien zuordnen?

Das nicht, aber bei der Auseinandersetzung mit Veganismus und Vegetarismus fand ich es schon immer schwieriger, Fleisch zu essen. Die Gegenargumente schienen mir sehr einseitig, trotzdem geben sie zu denken. Jede Studie, jedes Buch zu dem Thema scheint irgendwie ideologisch gefärbt zu sein. Es ist sehr schwierig, sich da zu orientieren. Den richtigen Weg gibt es wahrscheinlich nicht, aber Ideologien wie Veganismus und Paleo bieten allzu einfache Erklärungsmodelle, auf die Menschen sich stürzen, weil sie so verunsichert sind.
 
23. Oktober 2017, 14.30 Uhr
Jan Paul Stich
 
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Leser-Kommentare

Kommentieren
 
Michael Risse am 24.10.2017, 13:54 Uhr:
Korrespondierend zu Professorin Ott,gibt es ja noch drei edele ,namensgleiche Weingüter in Südfrankreich.
Reichlich versorgt mit deren Weinen,sollte man/frau sich zum Studium der allesumfassenden Schrift zurückziehen.
 
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