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Seife contra Kräuterduft

Saubere Zeiten

Spätestens seit Versailles weiß man um die kaschierende Wirkung intensiver Düfte. Baden war verpönt, Parfum Mittel zum Zweck. Doch ist das heute noch aktuell? Und weshalb gerade in der Gastronomie?
Nein, es soll hier nicht um überparfumierte Damen (oder manchmal sogar auch Herren) gehen, die logischer Weise in jedem ihrer Weine bei Tisch denselben Duft vorfinden – nämlich den ihres Eau de Toilette. Nachdenklich macht mich vielmehr eine Entwicklung, die sich nicht nur auf WCs durchschnittlicher Restaurants, sondern sogar auf den stillen Örtchen bekannter Sternelokale beobachten lässt.

Man erschnüffelt sensible Gerüche erlesener Gewürze, genießt die Verbindung faszinierender Aromen, freut sich über einen bunten Fächer unterschiedlichster Düfte im Wein - und kaum betritt man den Vorraum zum WC, haut einem eine Wand von Pfirsich, Limette oder "Frischer Brise" den Geruchssinn derart aus der Kurve, dass die anschließenden Speisen nur mühsam von diesem Einfluss losgelöst betrachtet werden können.

Warum muss eine Toilette eigentlich riechen wie ein überreifer Früchtekorb? Reicht denn nicht einfach, gründlich zu putzen? Klar, ein wenig dezente Verdrängung ist manchmal bestimmt nicht schlecht, doch die immer mehr um sich greifende Brutalisierung des Toilettengeruchs ist schlicht widerlich und beeinträchtigt das Essvergnügen nachhaltig.

Gut, ein Zerstäuber mit Duftnote "Kiwi-Mango" mag immer noch besser sein als jene runden Dinger, vor denen uns schon vor 40 Jahren weise Menschen per Inschrift warnten, man möge sie nicht lutschen. Aber in dieser Intensität, wie sie auch auf den WCs von Gourmet-Restaurants zunehmend zu beobachten ist, konterkariert man die Bemühungen der Köche, unsere Sinne zu sensibilisieren und zu erfreuen. Außerdem ist diese Maskierung der tatsächlichen hygienischen Verhältnisse alles andere als Vertrauen erweckend.
 
6. Juni 2011, 06.03 Uhr
Bastian Fiebig
 
 
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