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Kaltschnäuzig

Coole Kellner

Dass der Gast nicht immer weiß, was er da gerade vorgesetzt bekommt, ist nichts Neues. Interessant wird es, wenn man den Mut aufbringt, zu fragen, denn häufig ist auch der Service schlecht informiert!
Natürlich liest der Gast meist die Speisekarte oder hört seinem Kellner genau zu, bevor er bestellt. Das bedeutet in den Zeiten von Geleewürfeln, feucht-bunten Spuren am Tellerrand und wilden Kräutern jedoch nicht, dass er jede einzelne Komponente auf seinem Teller auch präzise zu deuten weiß. Also wendet er sich vertrauensvoll an den Ober, und so fragte ich vor ein paar Tagen neugierig nach einem Keimling, den der Koch wohl häufiger gern als Dekoration verwendete und über dessen Name ich mir nicht ganz sicher war. "Das ist Schafgarbe", versicherte mir der Herr innerhalb von gefühlten 0,2 Sekunden.

Diese Pflanze ist mir mit ihren gefiederten Blättern allerdings gut bekannt, der sich windende Spross hatte aber kleine und runde. Der nächste Gang, der gleiche Keim. Ich frage eine junge Dame. "Erbsenkeimling" lautet die – diesmal korrekte – Antwort. Eine Minute später ist wieder der Herr am Tisch und sagt in entschuldigendem Ton: "Ich muss mich mit den Kräutern noch vertraut machen. Das erste war Schafgarbe, das zweite ist Erbsenkeim und unser Koch verwendet auch noch gern Vogelmiere". Aha.

Einen Tag später überrascht mich ein Kellner in einem anderen Restaurant aufs Neue. Ich fische vom Grund meiner Gurkenschaumsuppe rötliche Würfel, die an Lachs erinnern, will aber aufgrund neutralem Geschmacks auf Nummer sicher gehen und frage nach dem Genuss den Ober. "Das sind Nordseekrabben", kommt wie aus der Pistole geschossen, so dass eigentlich kein Zweifel möglich ist. Er hat Glück, dass der Fisch schon verputzt war.

Man könnte noch die Geschichte vom Sommelier, der Cabernet Sauvignon als Leitrebsorte des Montepulciano bezeichnete, ausbreiten, doch beunruhigend ist nicht etwa die Tatsache, dass jemand mal etwas nicht weiß, denn das ist nur allzu menschlich. Vielmehr überrascht, dass alle drei Situationen in der Sternegastronomie entstanden und man sich offenbar nicht mal hier die Mühe machen will, seine Unwissenheit durch Fragen beim Küchenchef in fundiertes Wissen zu verwandeln.
Der Gast hat ja eh keine Ahnung, also erzählen wir ihm eine nette Story und alles wird gut.

So wird jedoch ganz sicher nichts mehr gut, im Gegenteil. Wie sagte schon Musil (in freier Formulierung): Die Dummheit ist derart in der Überzahl, dass die Wahrheit keine Chance hat.
 
23. Mai 2011, 06.21 Uhr
Bastian Fiebig
 
 
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