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Food-Gendering

Hilfe! Mein Essen hat ein Geschlecht!

Schon gewusst, dass es auch im Kulinarischen feste Geschlechterrollen gibt? Doch was passiert, wenn Männer kein Fleisch essen und Frauen versuchen, Bier zu bestellen?
Ich muss wohl eines vorausschicken: Ja, ich bin eine Frau. Das hat der Arzt damals zu meiner Mutter gesagt und so steht es auch in meinem Personalausweis. Und ja, ich trinke gern Bier, am liebsten aus Flaschen oder hohen Gläsern, zu einem ordentlichen Steak oder, noch besser, mit einer großen Portion Spareribs. Doch glauben Sie nicht, das sei einfach für mich! Ganz im Gegenteil! Denn die Welt der gutstrukturierten Gastronomie und der souveränen Servicekräfte scheine ich damit in ihren Grundfesten zu erschüttern. Manchmal glaube ich, sie wollen einfach nicht, dass ich Rindfleisch esse, sie denken, Hühnchen oder Dorade würde doch viel besser zu mir passen, dazu ein Gläschen Weißweinschorle ...
Im Ernst, haben Sie schon mal probiert, als Frau ein Glas Bier zu bestellen? Am besten noch in Herrenbegleitung? Egal, ob im Biergarten, im American Diner oder beim Afrikaner, es ist ein schier unmögliches Unterfangen. Mit stoischer Gelassenheit stellt der Kellner das Weizen vor meinem Begleiter ab, das von ihm erbetene traurige Glas Sprudelwasser landet stets bei mir.
Ein artverwandtes Phänomen ist der irritiert-belustigte Blicke bei der Aufnahme der Bestellung: Schnitzel für die Dame, Salat mit Putenbrust für den Herrn. „Bei uns ist alles ein bisschen anders“, versucht mein Freund sich beim konsternierten Kellner zu entschuldigen. „Na, macht ja nix“, erwidert der resigniert, nur um mir zwanzig Minuten später doch wieder das Grünzeug vor die Nase zu stellen.
Aber ich will mich gar nicht beschweren oder gar behaupten, Frauen würden durch konservative Kellner unterdrückt oder von bornierten Bedienungen bei Wasser und Gemüse gehalten, um ihnen die Kräfte zu rauben und ihren Willen zu brechen. Ganz im Gegenteil, denn wenn Sie mich fragen: Die Männer trifft es noch viel härter! Hatte ich bereits meinen Freund erwähnt? Nun, er isst nicht nur manchmal Salat, er mag auch noch Lambrusco, trinkt gern Batida de Côco, bestellt zum Nachtisch oft Vanilleeis mit heißen Himbeeren und, Sie ahnen es, sein Lieblingscocktail ist der Cosmopolitan.
Während ich beim Ordern eines Hefeweizens schlimmstenfalls als grobschlächtige Emanze abgestempelt werde, fallen auf ihn der geballte Hohn, Spott und das Mitleid des Personals zurück! Wenn ich dann auch noch die Rechnung bestelle, kann es schon mal zu verbalen Tiefschlägen von Seiten der Kellner kommen – und zu einer Trinkgeldkürzung auf 0,00 Prozent. Zum Glück lachen wir hinterher herzlich darüber!
Was ich mich jedoch nach all diesen Beobachtungen ernsthaft frage ist, wie viele Kerle tatsächlich Abend für Abend fetttriefendes Fleisch in sich hinein schaufeln, bloß weil es ihre Kumpels von ihnen erwartet? Wie viele Frauen beim ersten Date lustlos auf ihren Salatblättern herumkauen, damit sie ihr Gegenüber nicht für einen Vielfraß hält, und vor allem: Wie in drei Teufels Namen mein Essen ein Geschlecht haben kann?!
 
11. Juli 2011, 06.00 Uhr
Henriette Nebling
 
 
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