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Am Rande des Wahnsinns

Beurteile nie ein Buch nach seinem Einband?

Ein Kochbuch schreiben ist nicht schwer, den perfekten Titel finden dagegen sehr - das beweisen zahlreiche Erscheinungen immer wieder aufs Neue.
Kochbücher sollen Appetit machen und inspirieren. Angesichts trockener und sperriger Titel wie „Wildfrüchte, -gemüse, -kräuter“ fällt das aber nicht so leicht, hier hätte man vielleicht etwas mehr Zeit ins Cover investieren können. Zu gut mit uns meinen es dagegen die kreativen Köpfe, die offenbar glauben, dass niemand das Backcover liest und deswegen versuchen, alle erdenklichen Informationen im Titel zu verwursten, gern auch mithilfe von mehr oder weniger gelungenen Wortspielen: „Das kleine Handbuch der rohköstlich gesunden Grünen Smoothies“ ist ein gutes Beispiel. Promis wie Alicia Silverstone können da locker mithalten und bringen gleich ganze staatstragende Botschaften unter – das Ergebnis: „Meine Rezepte für eine bessere Welt: Bewusst genießen, schlank bleiben und die Welt retten – Mit 120 veganen Rezepten“. An das Gewissen appellieren auch Titel, die einen etwas unsanft auf das eigene Fehlverhalten hinweisen – schonungslos heißt es da „Nur der Idiot wirft’s weg! Wie Sie aus allem etwas Schmackhaftes machen können“. Aus allem?
Härtere Geschütze werden auch bei Kochbüchern aufgefahren, die die „Randgruppen“ in der Küche zum Kochen animieren sollen – Studenten, Hartz-IV-Empfänger und Männer. Letztere können sich über eine immer noch beeindruckende Menge an Kochanleitungen freuen, die unbeirrt an das haltlose, aber hartnäckige Vorurteil appellieren, dass Männer zu blöd zum Kochen seien. Eine Auswahl: „Heute koche ich: Männer an den Herd!“, „Das Männer-Kochbuch. Abenteuer Küche“ oder „Mal was Richtiges – Das Männer-Kochbuch: 33X ein Mann, ein Herd“.
Auch Studenten stehen unter dem Generalverdacht, keine Asse am Kochtopf zu sein und müssen sich mit Phrasen wie „Studenten Kochbuch: Einfach, schnell und preiswert“ und dem vor Nudeln überquellenden Kochtopf abspeisen lassen, der offensichtlich zwingend das Cover zieren muss.
Schlimmer trifft es nur noch diejenigen, die beim Kochen sparen müssen oder wollen: Auf dem Titel steht meist ein plattes „Sparkochbuch“ und sonst nichts – manchmal verirrt sich noch ein Kochlöffel auf den Einband. Wer über ein kleines Budget verfügt, hat augenscheinlich kein attraktives Cover verdient. Warum man beispielsweise auf dem Titel des Kochbuch-Ratgebers „Hartz IV in aller Munde: 31 Tage Vollwertkost bei knapper Kasse“ Geldscheine zu sehen bekommt und kein appetitlich fotografiertes Gericht, weiß kein Mensch.
Ebenfalls ist nicht ganz ersichtlich, warum man sich in der Küche ausgerechnet von jemandem inspirieren lassen sollte, den man nicht im Entferntesten mit hoher Kochkunst in Verbindung bringen würde. Umso erstaunlicher ist, dass beispielsweise Shaun das Schaf – offensichtlich eine Ikone in der Küche - eine ganze Flut an Kochbüchern rausgebracht hat, die so bahnbrechende Titel wie „Shaunkost-Spezial“ oder „Mein Plätzchenbuch – Cooles aus dem Backofen“ tragen. Wem diese Quelle der Inspiration noch nicht ausreicht, der setzt auf übernatürliche Unterstützung: „Elfenkraft-Kochbuch: Kochen im Einklang mit der Natur“.
Angesichts dieser Fülle an Kochbüchern, die sich - mehr oder weniger erfolgreich - an Originalität zu überbieten versuchen, lobt man sich doch die Nüchternheit, mit der andere ihre Bücher betiteln: Ein schlichtes „Salz“ oder „Tomaten“ sagt doch schon alles - weckt aber auch Erwartungen.
 
27. Juni 2011, 08.00 Uhr
Anke Uhl
 
 
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