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Genuss Magazin Frankfurt Winzerportrait
Von der Bank ans Rüttelpul
 
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Von der Bank ans Rüttelpult
Foto: Griesel Sekt
Foto: Griesel Sekt
Jedes Glas Griesel-Sekt erzählt im Grunde eine Geschichte, die viel länger als seine eigene Entstehung ist. Es ist die Geschichte eines Bankangestellten, der irgendwie spürt, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Und dass er hier mal ganz schnell raus muss. Wein machen!

Nun gut, eine Banklehre schadet theoretisch niemandem. Risikobereitschaft ist allerdings auch nicht gerade ein Markenzeichen dieser Berufsgruppe. Veränderungen wollen hier geplant, von langer Hand organisiert sein. Niko Brandner ist da offensichtlich anders. Er nutzt einfach mal die Mittagspause, um gegenüber bei einem der besten Weingüter der Republik seine Dienste anzubieten. Konkret: Brandner schlenderte im schönen Bürgstadt zu Rudolf Fürst rüber und machte ihm klar, dass er jetzt und hier eine Lehre als Winzer beginnen müsse. Der rieb sich die Augen, aber als Brandner immer noch vor ihm stand, konnte er wohl vor so viel Engagement und Entschlusskraft nur den Hut ziehen und den jungen Mann auf den Weg zu jenem hervorragenden Winzer bringen, der er heute ist. Der duale Studiengang Weinbau und Oenologie, also die Vermittlung von Fachwissen in Verbindung mit ganz praktischen Tätigkeiten im Weingut, war genau das Richtige für den ehemaligen Schreibtischtäter, der nun seine Passion gefunden hatte.



Ein Winzer ohne Weinberg ist allerdings wie ein Musiker ohne Instrument, doch auch hier musste Brandner nicht lange warten. Bereits während des Studiums stieß er auf den Bensheimer Unternehmer Jürgen Streit, der gemeinsam mit seiner Frau Petra nach einem Nachwuchstalent für ein ganz besonderes Projekt suchte. 2013 hatte er das ehemalige Staatsweingut Bergstraße mit seinen tiefen Kellern und großen Anlagen käuflich erworben und nun sollte Brandner dem schlafenden Dornröschen wieder Leben einhauchen. Und zwar prickelnd, denn nichts weniger als ein Sekthaus war geplant! Mit zugekauften Trauben ging es los, absolutes Qualitätsstreben war Pflicht, denn wie der geneigte Leser vielleicht schon bemerkt hat, macht Brandner keine halben Sachen. Nur bestes Traubengut, was fehlt, wird aus der Region oder auch mal von gegenüber, also aus der Pfalz oder Rheinhessen zugekauft, langes, für die Exquisit-Serie sogar sehr langes Hefelager, behutsames Rütteln, Magnums und Kleinserien sogar noch von Hand – das volle Programm der Erzeugung von Spitzensekt stand auf der Agenda, wurde zügig in Angriff genommen und heute kann Brandner bereits über sieben Hektar eigene Weinberge verfügen.



Bevor der erste Sekt dann degorgiert, also schonend von der Hefe getrennt wurde, musste natürlich ein passender Name her: Griesel & Compagnie steht für den Firmensitz in der Grieselstraße und das Etikett bezieht sich nicht umsonst grafisch auf die Epochen Jugendstil und Art Deco, die vom nahen Darmstadt aus Impulse nach ganz Europa sandten und natürlich auch in Bensheim und einigen sehr schönen Räumen des Sekthauses ihre Spuren hinterließen. Diese Räume warten zum Teil noch darauf, in ihren ursprünglichen Zustand versetzt zu werden, um dann als perfekter Platz für Veranstaltungen und Sektproben zu dienen, doch Brandner hat zunächst ja alle Hände voll zu tun.



Weinberge wollen bewirtschaftet und abgeerntet, die Trauben vergoren, in die Flasche gebracht und mit Hefe und Zucker versehen, schließlich 60.000 Flaschen pro Jahr ins Lager geräumt werden, während gleichzeitig die ersten Jahrgänge das Licht der Welt erblicken und vermarktet werden müssen. Und das sind ganz erstaunliche Gewächse, die schon jetzt problemlos mit den großen der Branche mithalten können. Burgundersorten dominieren den Rebsortenspiegel, also in erster Linie Chardonnay und Pinot Noir, aus dem Brandner einen reinsortigen, knackigen Rosé Extra Brut macht, aber auch Weißburgunder und Schwarzriesling. Außerdem bringt er natürlich den an der Bergstraße so wichtigen Riesling auf die Flasche und Sonder-Cuvées aus Muskateller oder Apfelwein sorgen dafür, dass es im Betrieb wirklich niemandem langweilig wird. Neben dem gewohnten Brut gibt es hier auch Sekte mit sehr wenig Dosage, also das bereits erwähnte Extra Brut – und sogar Brut Zero, also einen Sekt komplett ohne Restzucker, der nichts für Einsteiger, dafür aber eine extrem animierende Verführung für fortgeschrittene Sektliebhaber ist.



Dabei muss sich mit Brut niemand als Anfänger fühlen, im Gegenteil: Es handelt sich um das Gardemaß für Champagner und das beherrscht Brandner virtuos. Alle Sekte, die wir bisher verkosten konnten, bestechen durch hinreißende Frische, enorme geschmackliche Tiefe und Länge, von Limette über Brioche, Nüsse, weiße Blüten, Himbeere und Honig bis zu Trockenfrüchten oder weißem Nougat und eine feine, lebendige Mousse, wie man sie eben nur über Flaschengärung und langes Hefelager bekommt. Und Brandner ist erst am Anfang. Drei Qualitätslinien sind geplant, die sich in der Auslese des Traubenguts und der Länge des Hefelagers unterscheiden. Tradition ist schon eine Klasse für sich, Prestige ist dann großes Sektkino und Exquisit? Keine Ahnung, denn die ersten Flaschen verlassen den Keller erst frühestens Ende 2016 – erst nach kritischer Verkostung wird hier entschieden, wann die Korken knallen dürfen!



 

26. Dezember 2016
Bastian Fiebig
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