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Wo bleiben die Sterneköchinnen?
 

Top-Themen Genusswoche

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Nur Umdenken verringert Unterschiede

Foto: Guide Michelin
Foto: Guide Michelin
Der Guide Michelin, einst das Yelp des frühen 20. Jahrhunderts, heute ein Gourmet-Restaurantführer, vergab am 26. Februar in Berlin wieder seine Sterne an 309 deutsche Sterneköche. Auch dieses Mal sind mit zehn Frauen wieder nur wenige weibliche Sterneköche dabei. Woran liegt das? Diese Frage haben wir der ehemaligen Sterneköchin Sybille Schönberger gestellt.
Sybille Schönberger war mit 27 Jahren einst die jüngste Sterneköchin Deutschlands und verteidigte drei Jahre lang den Michelin-Stern im Restaurant Hessler in Maintal. Als 2006 ihr erster Sohn geboren wurde, gab sie mit 29 Jahren die Stelle auf und arbeitete anschließend fürs Fernsehen. Mittlerweile betreibt sie einen Blog und Youtube-Channel, der sich mit Kochen und dem bewussten Umgang mit Lebensmitteln und Ernährung an sich beschäftigt. Zudem entwarf sie ein Kochhemd für Frauen, tailliert und mit ein bisschen Ausschnitt. „Das ist keine Alltagskochjacke, ich sehe darin eher die privat kochenden Frauen, die darin ihre Gäste empfangen“, man könne sie aber auch für den Beruf umfunktionieren, sagt Schönberger.

Der ehemaligen Sterneköchin scheint es an Selbstbewusstsein nicht zu fehlen. Im Interview zeigt sich, dass sie zu ihren Überzeugungen steht und über ihre früheren Ansichten reflektiert. Sie macht das, worauf sie Lust hat, ohne dabei verkrampft auf die Karriereleiter zu starren. Wenn sie über das Kochen spricht, dann merkt man, dass es hier nicht nur um einen Beruf, sondern eine Berufung geht. Die Trennung zwischen Privatleben und Job macht bei ihr den Eindruck eines fließenden Übergangs. In der Sterneküche brauche man vor allem viel Kreativität und Leichtigkeit, sagt sie. „Wenn ich irgendwas so auf Teufel komm raus will und verkrampft an die Sache herangehe, wird das nichts.“ Schönberger bewarb sich damals nicht um die Stelle der Küchenchefin, sie wurde überredet, weil Not am Mann war. In ihrer Zeit als Küchenchefin bestand das Team teilweise nur aus vier Personen. Der Stern hätte eher als „Nice to have“ und nicht als Erwartung an ein so kleines Team gegolten.

Heimchen am Herd und Macho in der Profiküche

Auf die Frage, warum so wenige Frauen in der Sterneküche arbeiten, antwortet sie: „Früher habe ich gedacht, dass es daran liegt, dass Frauen Kinder bekommen und dann die Stelle aufgeben, um sich um die Familie zu kümmern.“ Das sei heute ja nicht mehr so. Da könne auch der Mann daheim bleiben, da man in der Sternegastronomie ohnehin meist selbständig sei. Selbst so gemacht, hat sie es allerdings nicht. Wäre sie noch als Sterneköchin tätig, wenn sie keine Kinder bekommen hätte? „Ja, mit Sicherheit. Aber das stand nie zur Frage. Familie ist immer das, was bleibt. Auch wenn es einem schlecht geht.“ Schönberger sieht das Problem eher im vorherrschenden Bild, das man von einem professionellen Koch hat. Ihr sei aufgefallen, dass das Bild des heimischen Kochs meistens weiblich und das des professionellen Kochs männlich geprägt ist. „Warum das so ist, weiß ich nicht, aber ich denke, dass das Grund für die wenigen Frauen generell im Beruf des Kochs ist.“

Vorherrschende Geschlechterrollen sind weiterhin ein großes Problem, die sich in der Berufswahl widerspiegeln. Jungen und Mädchen werden unterschiedlich erzogen, unterschiedlich angezogen und mit unterschiedlichen Erwartungshaltungen ihres Verhaltens konfrontiert. Das fängt bei zwei verschiedenen Überraschungseiern an und endet in der Unterdrückung von Emotionen und Identität. Wie sehr diese Rollen in den Köpfen verankert sind, zeigt sich auch bei Schönberger: „Es ist nicht der attraktivste Beruf für eine Frau. Fleisch zerlegen, lebendige Aale, die man töten und abziehen muss, dreckiges Gemüse, Zeitdruck, rauer Ton. Das ist vergleichbar mit dem Maurerberuf, so ähnlich ist es beim Koch auch.“, sagt Schönberger. Auf die Frage wie man den Beruf für Frauen attraktiver machen könnte, sagt sie: „Muss man das überhaupt? Die Frauen müssen ja nicht kochen. Wir wollen ja niemanden zu seinem Glück zwingen.“

Unterschiede, die es gar nicht gibt

Es gibt nicht den einen Grund, warum es in manchen Berufen mehr Männer und in anderen mehr Frauen gibt. Ein Umdenken von Geschlechterrollen, von Kindererziehung und der binären Geschlechtsidentität generell könnte die Differenzen aber bedeutend verkleinern: Dann könnte es doch sein, dass sich Fragen nach weiblichen und männlichen Berufen ganz von selbst erledigen und niemand mehr auf die Idee käme, Menschen abhängig von ihrem angeborenen oder gewählten Geschlecht unterschiedlich zu bezahlen. Einige Köche und Köchinnen haben sich dem Michelin-System bereits entzogen. Die Gründe dafür sind nicht geschlechtsspezifisch, sondern menschlich: Zu hoher Druck und das Bedürfnis sich nicht einem vorgegeben Regelwerk anzupassen. Der Gießener Sternekoch Andreas Gerlach hatte Angst, den Spaß am Kochen zu verlieren. Maria Groß aus Erfurt merkte, dass sie die Sterneküche zum Arschloch machte. Die Gründe für die wenigen weiblichen Köche und Sterneköchinnen sind dagegen vielschichtig und kompliziert. Dalad Kambhu aus dem Kin Dee in Berlin war in diesem Jahr, neben 36 männlichen, der einzige weibliche Neuzugang unter den deutschen Sterneköchen. „Wir haben da ein Problem. Das müssen wir ändern“, äußerte sie sich bezüglich des großen Männeranteils.
 
4. März 2019, 13.56 Uhr
Johanna Wendel
 
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