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Die Stornierungsgebühren kommen
 

Top-Themen Genusswoche

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The Show must go on

Foto: Unsplash/Abdullah Öğük
Foto: Unsplash/Abdullah Öğük
Nichts ist deprimierender als ein leeres Restaurant. Damit die Tische besetzt sind, müssen Gäste ihre Reservierungen aber auch verbindlich wahrnehmen, was offenbar immer seltener geschieht. Können No-Show-Gebühren da helfen? Ein Kommentar.
Die Backschaft ist abgesoffen. Haben Sie es mitbekommen? Nicht buchstäblich natürlich. Betreiber Gunnar Ohlenschläger musste sich vom Küchenkonzept trennen. Der Fokus auf dem kleinen Boot liegt nunmehr auf Events und Barbetrieb, keine modern interpretierte Bistroküche mehr. Bye bye kulinarischer Anspruch! Schade, oder? Das Wahnwitzige an der Geschichte: Das schwimmende Restaurant war überaus beliebt, einen Tisch zu bekommen, gar nicht so einfach. Über Wochen im Vorhinein war die Backschaft oft komplett ausgebucht. Doch anstelle von 50 Personen, seien an manchen Abenden gerade mal 28 Gäste erschienen. Die Menschen nehmen ihre Reservierung nicht verbindlich wahr. Gerade für einen eher kleinen Betrieb ist das geschäftsschädigend.

Die Frage ist: Wie soll das weitergehen? Ist die Gastronomie in Frankfurt bald am Arsch? Um die gastronomische Apokalypse aufzuhalten, hat sich ein kämpferisches Konglomerat an Restaurantbetreiber*innen zusammengetan und sogenannte „No-Show-Gebühren“ eingeführt, because the show must go on. Wusste schon Freddy Mercury bevor er an AIDS starb. Die rigorosen Restaurantbetreiber*innen verlangen jetzt also bei Reservierung und Nicht-Erscheinen eine Gebühr von 20 bis 30 Euro. Kein Spaß. Du hast einen Tisch blockiert, lässt dich aber nicht blicken? Dafür musst du zahlen! Deshalb holen die gewitzten Gastgeber*innen bereits bei der Reservierung die Kreditkartendaten des Gastes ein. Übergriffig? Aber scheinbar notwendig.

Klar kann es mal passieren, dass man in Restaurant Leckerschmecker XY reserviert, auf dem Weg dahin aber von einem herabstürzenden Klavier begraben wird oder Tornados und aus dem Zoo ausgebrochene Wildtiere einen davon abhalten, den Restaurantbesuch wahrzunehmen. Aber in den meisten Fällen kann man immer noch absagen. Das passiere aber oft nicht, wie Szene-Gastronom James Ardinast aus seiner Erfahrung weiß. Unglaublich: Beliebter Usus gerade unter Geschäftsleuten sei es, einfach in vier oder fünf Restaurants zu reservieren und dann am Abend erst spontan zu entscheiden, wo die kulinarische Reise hingehen soll. Angeblich machen No Shows 20 Prozent der Reservierungen aus. 20 Prozent! Gerade kleine Gastronomien leiden darunter sehr. Schließlich planen Köch*innen mit der erwarteten Gästeanzahl und kaufen ein. Wer kein Convenience-Fertig-Fraß auftischt, kauft in der Regel frische, verderbliche Produkte. Werden die dann nicht verarbeitet, dann ist das nicht nur ein finanzieller Schaden, sondern auch verdammt unnachhaltig und schlecht für die Umwelt. Essen wegwerfen ist echt uncool.

Stellen Sie sich vor, Sie sind mit einer guten Freundin verabredet. Doch sie kommt nicht. Lässt Sie sitzen. Im Regen stehen. Ohne Absage, Entschuldigung oder Ausrede. In your face! Oder eben gerade nicht. Tut weh, oder? Dann finden Sie heraus, warum überhaupt: Aus Entschlussunfreudigkeit hat sich besagte Freundin zur gleichen Zeit mit mehreren Menschen verabredet und spontan entschieden, nach wem ihr denn gerade ist. Die Wahl ist nicht auf Sie gefallen. Und selbst, wenn sich die Freundin für Sie entschieden hätte, wäre das einfach kein feiner Move. So geht man nicht mit Menschen um. Aber darf man so mit Restaurants umgehen?

Die Initiative Gastronomie Frankfurt e.V. vertritt die Interessen der Gastronom*innen. Sie wurde vor drei Jahren gegründet. James Ardinast (Stanley Diamond, Maxie Eisen, Bar Shuka) ist Vorsitzender. Mit im Vorstand sitzt auch Madjid Djamegari (Gibson). Genau diese militante Vereinigung wird nun Stornierungsgebühren bei nicht wahrgenommenen Tischreservierungen einführen. Bei einer internen Umfrage haben sich 80 Prozent der Mitglieder – beteiligt sind 81 Frankfurter Gastronomiebetriebe – für die Einführung einer No-Show-Rate ausgesprochen. Sukzessive werden 60 bis 65 Restaurants die Maßnahme einführen. Betriebe wie Stanley Diamond und Bar Shuka starten damit Ende Oktober. Andere ziehen nach. „Die Höhe der Stornierungsgebühr legen die Betriebe selbst fest, da jeder Betrieb ein individuelles Preisgefüge hat. Zudem wird jeder Gast bereits bei der Reservierung auf die Stornierungsgebühr hingewiesen“, verspricht die Initiative.




James Ardinast (links) und Madjid Djamegari (rechts) vergeht das Lachen, wenn sie an hohe Ausfallraten denken. Foto: Florian Fix

Aber verschreckt man damit seine Gäste nicht? Ich sage: Nein! In Hotels ist es Gang und Gäbe, dass man seine Kreditkartendaten hinterlegen muss. Und ein Hotelbett wird, im Gegensatz zu verderblichen Lebensmitteln, nicht schlecht. Warum sollte man Stornierungsgebühren bei nicht wahrgenommener Reservierung dann nicht auch in Restaurants einführen? In Paris, London oder New York ist das längst Usus. Alles, was die Gastronominnen und Gastronomen von ihren Gästen wollen, ist, dass sie wenigstens absagen, wenn sie es nicht schaffen.

Dass die No Shows so stark zunehmen, könnte auch an Online-Reservierungssystemen liegen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Digitalisierung ist ne dolle Sache. Aber eine Reservierung geschieht online auch irgendwie anonymer. Vielleicht fühlt man sich verbindlicher dazu verpflichtet, eine Tischreservierung wahrzunehmen, wenn man am Telefon mit einem echten Menschen gesprochen hat, anstelle in einem Online-Portal auf einen Button geklickt zu haben. James Ardinast meint, dass es gar nicht darum ginge, den Umsatzausfall durch die No-Show-Gebühren auszugleichen. Das sei gar nicht möglich. Viel mehr möchten die Gastronom*innen ihren Gästen damit ein Signal geben, dass die Plätze in ihren Restaurants für sie einen Wert haben.

Restaurants, die ohnehin bereits No-Show-Gebühren erheben, sind Lafleur, Tiger Gourmetrestaurant und Franziska. Weitere werden folgen. Bei Fällen von höherer Gewalt, die es einem unmöglich macht, abzusagen, haben die Gastronom*innen sicherlich auch Verständnis. Man muss nur mit ihnen reden. Lapidare Unverbindlichkeit führt zu Verantwortungslosigkeit. Nicht nur in zwischenmenschlichen Beziehungen, auch in der Gastronomie.

Dieser Text erschien erstmalig im Juni in der aktuellen Ausgabe FRANKFURT GEHT AUS! 2020
 
21. Oktober 2019, 14.00 Uhr
Katrin Börsch
 
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Leser-Kommentare

Kommentieren
 
Michael Risse am 22.10.2019, 18:05 Uhr:
Goldrichtig ! No-Show Betrag pro Gast 50 (Fünfzig !) Euro. Basta.
Man kann als böswilliger Zeitgenosse mit No-Shows sogar einen Betrieb absichtlich ruinieren.
 
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