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Der vergessene Vorfahr von FRANKFURT GEHT AUS!
 

Top-Themen Genusswoche

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Rawülps brachte 68ern den Genuss bei

Foto: Jan Stich
Foto: Jan Stich
In einer Woche erscheint die 30. Ausgabe von FRANKFURT GEHT AUS! Grund genug für einen Blick in die Vorgeschichte der Frankfurter Restaurantführer. Heute: „Rawülps!“ aus dem Hause Pflasterstrand.
Als wäre es nicht von vornherein ein gewagtes Vorhaben gewesen, hätte am Ende ein Brandanschlag beinahe alles verhindert: Im Hochsommer 1984 drangen Unbekannte in die Setzerei des Pflasterstrandes ein und setzten alles, von Technik bis Mobiliar, in Flammen. Verletzt wurde niemand, zu den Opfern des Brandes zählten jedoch auch Texte von „Rawülps!“. Diesen wenig appetitlichen Namen hatte die Pflasterstand-Belegschaft ihrem ersten Restaurantführer verpasst. Fast 500 Restaurants hatten die Herausgeberinnen Marie-Louise Klingelschmitt und Edith Kohn in dem Büchlein gesammelt. Dank Extraschichten und Unterstützung einer anderen Druckerei konnte „Rawülps! Oder wo man in Frankfurt wie isst“ dann doch noch erscheinen.

Das Buch ist noch heute ein spannendes Zeugnis für den Wandel innerhalb der Sponti-Szene vom radikalen Straßenkampf zur Ankunft im Establishment der Stadt. „Die Republik hat es speziell Frankfurt zu verdanken, dass es 1968ff bei der ursprünglichen Genussverweigerung der Antiautoritären nicht blieb“, berichtet eine Autorin unter dem poetischen Pseudonym Vita Quell. Die „glutäugigen italienischen Genossen und Genossinnen“ seien es gewesen, die den Frankfurter Linksradikalen den Genuss beigebracht haben. Wichtigste Adresse war damals das Gargantua, in dem der Hausbesetzer, Jurist, Autor und eben auch Koch Klaus Trebes feine Gourmetküche bereitete.

„Ihr fresst und verdampft im Gargantua, während draußen das Nord-Süd-Gefälle tobt!“, wurde der Frankfurter Szene damals vorgeworfen, berichtet Vita Quell – um dann 10 Seiten lang kenntnisreich zu argumentieren, warum der Verzicht auf Genuss den Armen und Geknechteten der Erde auch nicht weiterhelfe. „Es ist einfach unanständig, sich selbst das köstlichste Mahl zu vermiesen, indem man sich scheinheilig auf sein intimes Verhältnis zur Dritten Welt bezieht. Denn Genuss ist nicht Völlerei. Er besteht vielmehr darin, das Andere zu erkennen und anzuerkennen“, argumentiert Quell und betont, dass es beim Genuss darum gehe, Beziehungen herzustellen.

Besonders unterhaltsam ist die Auseinandersetzung des Kabarettisten Matthias Beltz mit den vielen fremden Küchen unserer damals schon weltoffenen Metropole. „Zu essen verstehe die ganze Welt, nur Deutsche können es noch immer nicht“, klagt Beltz’ Bekannter (oder Alter Ego) Gabelin im Text. In einem Satz springt er von der Frankfurter Schule zu Hot Dogs um dann über Adorno bei Da Claudio zu landen. Wie gutbürgerlich die Bürgerschrecke des Pflasterstrandes drauf waren, belegt derweil eine unter dem Namen Tristan Winter geschriebene Generalabrechnung mit dem damals schon virulenten Burger-Trend. Es ist nicht nur der Umstand, dass er mit dem Gericht allgemein nichts anfangen kann, der die bürgerliche Prägung des Autoren erkennen lässt. Bemerkenswert ist die Form seines Textes. In Anlehnung an Dantes Göttliche Komödie schreibt er seinen Zug durch Frankfurts Burger-Bratereien als Gang durch die Hölle und ganz wie Dante begleitet ihn dabei der antike Dichter Vergil.

Was bei all diesen politischen Fragestellungen vielleicht etwas zu kurz kam? Die Gastronomie. Ihrer Zeit völlig voraus, sind die meisten Restaurantbeschreibungen hier in Tweet-Länge. Die wenigsten Beschreibungen lassen erkennen, ob das Lokal überhaupt besucht worden ist. Als Beispiel den kompletten Text zum damals schon existenten Café Größenwahn: „Mischung aus Restaurantbetrieb und Kneipe, mittlere Auswahl an unterschiedlichen Gerichten, Querbeet-Küche, preiswert; überwiegend junges Publikum, manchmal Klavierdarbietungen unbekannter Künstler, meist nach 21.00 h; sehr voll. Für Rollstuhlfahrer zu eng.“ Einen der längeren Texte hat wenig überraschend der Alt-68er-Treff Club Voltaire bekommen. Spannend sind die soziologisch angehauchten Publikumsbeschreibungen zu jedem Lokal. So vermerken die Autoren zum Storch in der Saalgasse „Der Pfahlbürger speist im Sommer auf der Terrasse“, beobachten in der Räucherkammer „Nachtschwärmer, Halbwelt und Stammgäste“ und entdecken im Français „Messepublikum und Geldadel.“
18. Juni 2018
Jan Paul Stich
 
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