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Containern in Frankfurt
 

Neues aus der Szene

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Illegale Lebensmittelrettung

Foto: Unsplash/elevate yx
Foto: Unsplash/elevate yx
Tonnen von Lebensmitteln werden jeden Tag weggeworfen, auch in Frankfurt. Menschen, die Essbares aus Supermarkt-Containern retten, begehen allerdings eine Straftat.
„Ich geh eigentlich gar nicht einkaufen“, berichtet Klemens Maier*. Zum letzten Mal musste er vor zwei Monaten etwas in einem Supermarkt bezahlen. „Das war eine Flasche Rapsöl.“ Fast alles, was Maier isst, holt er aus den Mülltonnen. „Lebensmittelrettung“ nennen Aktivistinnen und Aktivisten das, oder etwas weniger pathetisch „Containern“. Bei den Supermärkten ist die Kostenlos-Kundschaft vom Hinterhof nicht gerne gesehen, dort wird der weniger schmeichelhafte Titel „Mülltauchen“ verwendet. Denn tatsächlich ist das Containern nach deutschem Recht Diebstahl. Ob Ware unerlaubt aus dem Supermarkt-Regal oder der Mülltonne hinter dem Markt entwendet wird, ist nach den Buchstaben des Gesetzes kein großer Unterschied.

„Wir müssen das genauso verfolgen wie jeden anderen Diebstahl“, erklärt Chantal Emch, Pressesprecherin der Polizei Frankfurt. Einzige Ausnahme: Wenn es um einen geringen Wert von wenigen Euros geht, handelt es sich um ein Antragsdelikt. Dann müsste der „bestohlene“ Markt den Antrag stellen, damit die Polizei tätig wird. Ein Versuch des Hamburger Justizsenators, das Gesetz entsprechend zu ändern, dass Entnahmen aus Mülltonnen nicht mehr Diebstahl sind, wurde jüngst von der Justizministerkonferenz abgelehnt. Auch die Frankfurter Grünen unterstützen die Entkriminalisierung. „Wir haben dafür viel Sympathie“, sagt der Vorstandssprecher Bastian Bergerhoff. Da Strafrecht Bundessache ist, sieht er auf der kommunalen Ebene jedoch wenig Handlungsmöglichkeiten.

„Manchmal treffe ich auch Konkurrenz“ sagt Maier, wobei er das letzte Wort ganz langsam ausspricht und dabei schelmisch grinst. Tatsächlich sieht er seine Container-Genossen nicht als Gegner. „Wir teilen dann einfach.“ Als echter Idealist weiß er sein Handeln auch philosophisch zu begründen: „Ich versuche, entsprechend des kategorischen Imperativs zu handeln“, sagt er. „Wenn alle Menschen die Ressourcen schonen würden, dann lebten wir in einer besseren Welt.“ Für ihn ist das Containern Gewissensfrage: „So fühle ich mich am besten.“ Es scheint ihm dabei aber auch nicht schlecht zu gehen. Fleisch esse er fast jeden Tag und vermissen würde er auch nichts, sagt er nach kurzen Nachdenken. Statt einer Legalisierung wünscht er sich lieber eine Regelung wie in Frankreich. Dort ist es Supermärkten ab einer bestimmten Größe verboten, Lebensmittel wegzuwerfen. Stattdessen müssen Sie diese an Tafeln, als Tierfutter oder zur Energiegewinnung abgeben.

„Ich habe wirklich eine große Auswahl,“ sagt Maier. Die gibt es allerdings nicht immer. Er klappert jeden Tag zwei Supermärkte ab. Mal findet er ein Dutzend Packungen Kaffee, mal aussortierte Nudelboxen. „Vor drei Monaten habe ich 40 Kilo Lachs in einem Container gefunden. Volumenverpackt und unverdorben. Die Ware war noch richtig kalt. Das konnte ich gar nicht alles mitnehmen, aber ein wenig ist immer noch in meiner Tiefkühltruhe.“ Was er selbst nicht verwenden oder lagern kann, teilt er mit den Nachbarn. „Da gibt es die feinsten Sachen. Ich hatte Schokolade, da kosteten 100 Gramm 14 Euro – und das war der reduzierte Preis. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt. Wir leben hier im Überfluss.“ Tatsächlich werden in Deutschland jedes Jahr mehr als 11 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen.

Und noch eine überraschende Entdeckung machte Maier am Container. „Die meisten Menschen, die das machen, sind Ausländer.“ Deutsche treffe er dort eigentlich nie, erklärt er nach einigem Überlegen. Auch er kommt aus dem Ausland, möchte aber nicht, dass wir schreiben woher. Immerhin begeht er ja regelmäßig eine Straftat. Erwischt wird Maier öfters. Einmal sei er stehengeblieben und habe auf die Polizei gewartet. „Denen habe ich erklärt, warum ich das tue. Die haben dann mit einem Richter telefoniert und mich danach gehen lassen.“

*Name von der Redaktion geändert
5. Juli 2019
jps
 
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Leser-Kommentare

Kommentieren
 
Michael Risse am 9.7.2019, 13:05 Uhr:
Das ist eine solche Sauerei,Lebensmittel zu vernichten,das dies unter Strafe gestellt werden muss,und zwar empfindliche Geldstrafen oder ersatzweise Haft bis zu 6 Monaten.Übrigens ein übler Mitschuldiger dieser ganzen Misere sind die verdammten Behörden,hier in Deutschland,als auch bei der EU,mit diesen völlig bescheuerten,hysterischen Mindest-Haltbarkeits -Daten. Die Bevölkerung hat verlernt Augen,Nasen zu gebrauchen,und mit wachen Sinnen sich Lebensmittel anzuschauen. Die glotzt nur auf das MHD.
Die denken und handeln so,als ob die Produkte un dem Tag um Mitternacht sich in Gift verwandeln.
Die Engländer schreiben wenigstens drauf:Best before.
 
Uwe Looschen am 8.7.2019, 15:00 Uhr:
Wo kein Kläger, da kein Richter. Die sollen in Ruhe weiter Containern. Es passiert nix. Und die Presse sollte das Thema mit "Straftat" usw. nicht so aufbauschen. Wieviele Klagen hat es in FFM denn gegeben? Null.
 
Christina Lyk am 8.7.2019, 08:14 Uhr:
Wieso nicht wie in Frankreich: dort ist es eine STrafttat, Essen NICHT zu spenden, und das seit 2009. NACHAHMENSWERT !!!!
 
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